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John Logan

Die Unschuld der Raubvögel

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Zwei junge, hochintellektuelle Studenten aus schwerreichen Familien ermorden im Sommer 1924 den 14-jährigen Bobby Franks in einem Vorort von Chicago. Sie tun dies ohne ersichtlichen Grund mit brutaler Eiseskälte und im unerschütterlichen Glauben an ihre Überlegenheit. Nathan Leopold, flatterhafter, schüchterner Ornithologe, und den katzenhaften Richard Loeb verbindet zusätzlich eine homoerotische Liebesbeziehung, die von gegenseitigen Abhängigkeiten dominiert wird. Die Öffentlichkeit ist schockiert und fassungslos, als die jugendlichen Mörder des Verbrechens überführt werden. Im Blitzlichtgewitter der Medien blühen die beiden auf. Ihr bestialisches Tun hat auf ihre Psyche scheinbar keinen Einfluss genommen, und die Hexenjagd beginnt. Der berühmte Anwalt Clarence Darrow kämpft gegen die Barbarei der Todesstrafe und gegen seinen juristischen Widersacher, den Staatsanwalt Robert Crowe. Aus einem der berühmtesten Fälle der amerikanischen Rechtsgeschichte hat John Logan durch eine moderne filmschnittartige Dramaturgie ein spannendes Theaterstück voll psychologischer Dichte gemacht. Die Unerklärbarkeit dieser unfassbaren Tat hat etwas faszinierend Schauderhaftes. Die Erklärung kann in unserer heutigen Gesellschaft gesucht und gefunden werden – sind doch die zwanziger Jahre auf vielen Ebenen mit unserer Zeit verwandt.

 

John Logan

Geboren in den USA, lebt in Evanston, Illinois
Autor von 14 Theaterstücken und zahlreichen Filmdrehbüchern.
Stücke: Never The Sinner (Unschuld der Raubvögel; UA 1985 Chicago), Hauptmann, Speaking In Tongues, Riverview u.a.
Drehbücher: Gladiator, Any Given Sunday, The Time Machine, Sindbad u.a.

Verfilmungen des Stoffes
ROPE 1948 Alfred Hitchcock
COMPULSION 1959 Richard Fleischer
SWOON 1992 Tom Kalin

 

Richard A. Loeb

Richard Albert Loeb wurde am 11. Juni 1905 als dritter von vier Söhnen des Vizepräsidenten eines großen Unternehmens geboren. Der Stellung des Vaters entsprechend, wuchs er in einem vornehmen Viertel Chicagos, in unmittelbarer Nähe der Familie Leopold, auf. Schon als kleines Kind kam Loeb in die Obhut eines Kindermädchens: Mrs. Struthers war eine jüdisch-orthodoxe, disziplinorientierte äußerst strenge Gouvernante, die seinen Kontakt zu gleichaltrigen Jungen unterband und seine Jugend nachhaltig prägte. Seine einzige Rückzugsmöglichkeit bestand in der Lektüre verbotener Detektiv- und Kriminalgeschichten. Loeb war überdurchschnittlich intelligent – wenn auch nicht ganz so genial wie Leopold – und beendete mit 17 Jahren als jüngster Absolvent die Universität von Chicago. Von einigen Mitschülern als liebenswert und beliebt beschrieben, hielten ihn andere für unreif, kindisch und verquert. Schon vor dem Mord gab es Anzeichen, dass Loebs Leben aus den Fugen geraten war. Als «Schatten» verfolgte er mit neun Jahren wildfremde Menschen auf der Straße, entwickelte Fantasien, die sein Leben immer mehr bestimmten und verübte Diebstähle. Bereits mit 15 war er ein schwerer Trinker. Auf der Universität fand er in Leopold einen kongenialen Partner für seine kriminellen Fantasien. Beide aus derselben Gegend, beide jüdischer Herkunft, beide überdurchschnittlich intelligent, ergänzten sie einander in tödlicher Weise. Grund ihrer tiefen Bindung war unter anderem Leopolds tatsächliche und Loebs latente Homosexualität, die sich in einem Pakt zeigen sollte.
Sowohl der Plan als auch die Ausführung des Mordes gingen auf Loebs Konto. Nach seinen eigenen Aussagen musste Loeb den verstörten Leopold nach dem Mord beruhigen und offenbarte vor seiner Verhaftung den Reportern Theorien zu dem noch ungeklärten Mord. Zum Zeitpunkt des Mordes studierte Loeb Geschichte.

 

Nathan Leopold Jr.

«Eine intellektuelle Maschine außer Kontrolle», mit diesen Worten beschrieb Clarence Darrow den jungen Nathan Freudenthal Leopold Jr., der am 11. November 1904 in Chicago, als Jüngster von drei Söhnen einer reichen, jüdisch-deutschen Familie, geboren wurde. Nathan’s Vater war Millionär, Nathan wurde von Kindermädchen großgezogen und lernte durch sie verschiedene Sprachen und Religionen kennen. Eines der Kindermädchen, Mathilda Wantz – sie sprach nur Deutsch mit ihm – badete gemeinsam mit Nathan und seinem Cousin in der Wanne. Gutes Benehmen wurde mit körperlicher Zuwendung «belohnt».
Seine Mutter Florence erkrankte während einer Schwangerschaft und starb, als Nathan 17 Jahre alt war. Nathan – Spitzname Babe – war im Gegensatz zu Richard Loeb, den er mit 15 kennenlernte, nicht besonders groß, dunkelhaarig und unzufrieden mit seinem Äußeren. Nathan absolvierte auch öffentliche Schulen, in denen er aufgrund seines finanziellen Backgrounds immer als Außenseiter angesehen wurde. Ab 1919 besuchten Nathan und Richard die Universität von Chicago, in der beide vier Jahre später promovierten.
Mit achtzehn Jahren kam Nathan Leopold mit Nietzsches Philosophie in Kontakt, die daraufhin sein Leben bestimmte. Zum Zeitpunkt des Mordes studierte er Jura.

 

Der Mord an Robert Franks

Am 21. Mai 1924 um 11 Uhr traf Nathan Leopold Richard Loeb nach einer Vorlesung an der Universität. Gemeinsam fuhren sie in Nathans rotem Willys Knight zu einem Autoverleih. Sie entlehnten ein Auto und brachten Nathans Wagen nach Hause. Dort verfrachteten sie den Inhalt aus Nathans Wagen in den gemieteten Wagen, inklusive ein Paar Gummistiefel, einige Knebel, Salzsäure, Äther, ein Seil und einen Meißel. Nathan Leopold bat seinen Chauffeur Sven Englung, die Bremsen seines Wagens zu überprüfen. Danach fuhren die beiden mit dem gemieteten Wagen los. Außer dem Meißel, den sie als Waffe benutzen wollten, waren beide mit einer 38er und einer 45er bewaffnet. Sie warteten bei der Harvard School auf ihr Opfer, welches Jonny Levison sein sollte, doch als um 17.00 ein Junge namens Bobby Franks als erster das Baseball-Spiel verließ, zögerten Loeb und Leopold nicht lange. Richard Loeb kannte Bobby und lockte ihn in den Wagen. Bobby Franks nahm neben Nathan am Beifahrersitz Platz.
Kurz nachdem der Wagen losfuhr, schlug Richard mit dem Meißel von hinten auf Bobby ein. Sie wollten ihn bewusstlos schlagen um ihn am Ende mit dem Seil zu erwürgen. Doch Bobby wurde nicht ohnmächtig, Loeb schlug immer weiter auf ihn ein. Bobby starb. Als es dunkel wurde verfrachteten sie den Körper des Toten in den Wolfsee. Sein Gesicht und die Genitalien wurden mit Salzsäure überschüttet, um die Identifizierung zu erschweren. Dick Loeb rief einige Zeit später Bobbys Mutter an, um ihr von dem Kidnapping ihres Sohnes zu berichten und Lösegeld zu fordern. Danach gingen beide etwas trinken und fielen um 23.30 Uhr ins Bett. Am nächsten Tag sollte das Lösegeld übergeben werden. Doch die Franks wussten die Adresse der Lösegeldübergabe nicht mehr und konnten nicht zum Treffpunkt erscheinen. Zur selben Zeit wurde der Körper des toten Jungen gefunden und Nathans Brille lag genau daneben . . .
Dieser Fall wurde einer der berühmtesten in der amerikanischen Rechtsgeschichte und wird bis heute als Fallbeispiel herangezogen.

 

Todesstrafe für Jugendliche

Die Vereinigten Staaten von Amerika richten als einziger westlicher demokratischer Staat Jugendliche hin. Im letzten Jahrzehnt haben weltweit nur fünf andere Staaten Hinrichtungen an Jugendlichen vollzogen: Iran, Nigeria, Pakistan, Saudi Arabien und Jemen.
Gegenwärtig warten 82 männliche Jugendliche auf ihre Hinrichtung in den Todestrakten der USA. 26 von ihnen allein in Texas, dem Staat mit der größten Death Row für Jugendliche. Diese 82 jungen Männer machen 2,21 % aller Todestraktinsassen aus. Alle waren zur Tatzeit 16 oder 17 Jahre alt und sind heute zwischen 18 und 42. Sie wurden ausschließlich wegen Mordes zum Tode verurteilt.
Zwei Drittel dieser Jugendlichen sind von dunkler Hautfarbe – und in allen Fällen waren ihre Opfer weiß.

Artikel 6 (5) des Internationalen Paktes über bürgerliche und politische Rechte:
«Die Todesstrafe darf für strafbare Hand – lungen, die von Jugendlichen unter 18 Jahren begangen worden sind, nicht verhängt und an schwangeren Frauen nicht vollstreckt werden.»

Artikel 4 (5) der Amerikanische Menschenrechtskonvention: «Die Todesstrafe darf nicht gegen Personen verhängt werden, die zur Zeit der Begehung des Verbrechens unter 18 oder über 70 Jahre alt waren; auch darf sie nicht bei Schwangeren angewandt werden.»

 

Friedrich Nietzsche Also sprach Zarathustra

Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?
Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Eurer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde!
Der Übermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes und Einziges, – und nicht der Mensch: nicht der Nächste, nicht der Ärmste, nicht der Leidendste, nicht der Beste –
Dass ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das macht mich hoffen. Die großen Verachtenden nämlich sind die großen Verehrenden.
«Der Mensch muss besser und böser werden» – so lehre ich. Das Böseste ist nöthig zu des Übermenschen Bestem.
Das Leben gern zu leben, musst du darüber stehn! Drum lerne dich erheben, drum lerne abwärts seh’n.