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John Logan

Die Unschuld der Raubvögel

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Der Standard, 11. April 2002

Die epische Bannung des Todesgespensts
Gerichtsdrama im Theater Gruppe 80

Al Capone erklärte nach der Ermordung von Robert Franks am 21. Mai 1924 in Chikago, dass seine Organisation sich nicht damit befasse, Kinder umzubringen. Eine überflüssige Distanzierung. Neben Bobbys Leiche lag die Brille des 19-jährigen Nathan Leopold. Er hatte die Tat gemeinsam mit dem 18-jährigen Richard Loeb begangen. In einer Mischung aus kindischem Gangsterspiel, Wohlstandsverwahrlosung und unverdauter Nietzsche-Lektüre. Dass die zwei dem Galgen entgingen, lag an Verteidiger Clarence Darrow.

Er argumentierte erfolgreich damit, dass bis dahin in den USA die Todesstrafe noch nie an Verurteilten vollzogen wurde, die zur Tatzeit unter 21 waren. Das hat sich, wie seit Dienstag im Programmheft zu John Logans Die Unschuld der Raubvögel in der Gruppe 80 nachzulesen ist, inzwischen geändert.

An die 100 jugendliche Mörder sitzen derzeit in den Todestrakten der USA. Mit den guten, aber nun doch schon sehr alten Mitteln des epischen Theaters kämpft Zeno Staneks Inszenierung aus Gumpendorf beherzt dagegen an. Heinz R. Unger und David Heyn haben die Vorlage des bekannten US-(Drehbuch-) Autors John Logan (Gladiator, The Time Machine etc.) übersetzt. Der knappe, treffende Text unterstreicht Parallelen zur Lebenseinstellung der 20er-Jahre.

Zeno Staneks Regie vertraut im Übrigen in Ingrid Leibezeders kargem schwarzem Raum mit wenigen Sesseln und vielen Lichtspots auf die Wirkung des klassischen Gerichtsdramas. Das funktioniert passabel, wenn auch nicht sofort.

Außerordentlich sind an dem Abend die Schauspieler: Hausvater Helmut Wiesner steigert sich als Verteidiger Darrow im schlampigen Outfit eines Detective Columbo zu einem unbeirrbaren, menschlich bewegenden Ankläger gegen die Todesstrafe. Prächtig auch die Verwandlungen Franz Robert Ceehs vom Reporter zum Gerichtspsychiater und Polizisten.

Vor allem aber stehen mit Volker Schmidt und Simon Jaritz ein Nathan und ein Richard auf der Bühne, die authentisch die adoleszente Zerrissenheit zwischen Intelligenz und Unwissenheit vermitteln, zwischen Weltverachtung und Liebeshunger, zwischen Prahlsucht und Todesangst.

Michael Cerha

 
Wiener Zeitung, 11. April 2002

Ein wirkungsvolles Stück in bester «Well made play»-Tradition, spannungsgeladen vom Anfang bis zum Ende, ohne ins Reißerische abzugleiten. […] Während der Gerichtsverhandlung wird nicht nur die Vorgeschichte der zwei in ein homoerotisches Abhängigkeitsverhältnis verstrickten Freunde in Rückblenden aufgerollt, sondern auch die Sensationsgier der Presse vergegenwärtigt, die – gleichsam als Sprachrohr der öffentlichen Meinung – die Täter am Galgen sehen möchte. Dafür plädiert mit aller Schärfe auch der ehrgeizige, als «Hängerichter» bekannte Ankläger, während es dem Verteidiger in seinem Plädoyer vor allem um die grundsätzliche Frage zu tun ist, ob sich Gerechtigkeit mit Vergeltung gleichsetzen lässt; […] Eben diese Frage stellt auch Zeno Stanek in seiner mustergültig gearbeiteten, dichten Inszenierung, die ohne plakative Effekte auskommt: Ein riesiger, dunkler Gerichtssaal, an den Wänden schwarze Stühle, an der Decke ein altersschwacher Ventilator, präzise Lichtregie, intensive Darstellerleistungen.

 
Presse, 11. April 2002

Die Zeitungen waren damals voll davon. Damals, das war im Jahr 1924. Die beiden Studenten Nathan Leopold und Richard Loeb hatten den 14-jährigen Robert Franks ermordet. John Logan, der als Drehbuchschreiber von «Der Gladiator» so viel Bekanntheit erlangt hat, wie es einem Drehbuchschreiber eben gelingen kann, hat rund um den Mord und den Prozeß ein Stück gebaut. In der Inszenierung von Zeno Stanek sehen wir: Zwei grausame Bengel, die Raskolnikow spielen. Sie sind die Übermenschen. Die anderen sind nichts. Die dürfen alles. Was sie durch einen Mord beweisen.

 
Frauenblatt, 20. April 2002

Glänzend gemacht, glänzend gespielt. […] Zeno Stanek inszenierte die Story über die beiden jugendlichen Mörder im Chicago der zwanziger Jahre meisterlich. Sie haben aus purem Mutwillen einen Jungen umgebracht und sind durch die Verteidigungskünste des berühmten Clarence Darrow dem elektrischen Stuhl entkommen.